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Vorwort zum Katalog Hajógyári sziget 1998

CHRISTA BARTESCH

Auf der Obudaer Werft in Budapest, 1835 von Istvan Szechenyi gegründet, wurden bis 1991 Schiffe gebaut.
Heute, nach Rekonstruktion der Gebäude, befinden sich hier Gewerbegebiete, Filmstudios und Ateliers.

Hütet Euch, Eure Vorgänger einfach nachzuahmen. Ehrt die Tradition und lernt, was sie an Fruchtbarem enthält: Liebe zur Natur und Aufrichtigkeit. Das sind die beiden starken Leidenschaften des Genies. Sie haben alle die Natur geliebt, und sie haben nie gelogen. – Die Natur sei Eure Göttin. Der Künstler entdeckt in jedem Wesen und in jedem Ding den Charakter, das heißt die innere Wahrheit. Und diese Wahrheit ist die Schönheit selbst.

August Rodin

Schönheit und Wahrheit – das sind die zentralen Begriffe, die für das Werk Christa Barteschs kennzeichnend sind. Kein Bild, aus dem nicht ihre Aufrichtigkeit spräche. Ihr Werdegang, ihre kompromisslose Entscheidung gleich nach dem Abitur, ihr Leben der Kunst zu widmen, weist auf Berufung hin. Sie studierte an der Kunstakademie in Münster und war nach Abschluss des Studiums der freien Kunst als selbständige Künstlerin zunächst in Berlin tätig. Seit 1992 arbeitet sie im Atelier Hajogyari Sziget in Budapest. Ihre Werke waren bereits auf Einzel-und Gruppenausstellungen in Berlin uns Budapest zu sehen.

Ihr Weg führte von der gegenständlichen zur abstrakten Malerei. Dieser Katalog stellt das non-figurative Werk Christa Barteschs vor. Nachdem sich die Künstlerin vom Gegenstand gelöst hatte, lebte sie diese neu gewonnene Freiheit in einer impulsiven Phase aus. Es entstanden spontane, farbintensive Kompositionen in großem Format .Farbe und Bewegung sind die zentralen Elemente dieser Bilder. Es sind wahre Farbexplosionen. Sie setzt Komplementärfarben nebeneinander, matte dunkle Farbtöne neben leuchtende; mit köhnem Pinselstrich entstehen innerhalb von kurzer Zeit dynamische Kompositionen von grosser Kraft.

Auf diese wilde Phase folgt eine ruhigere. Die Bilder werden karger, die Farbklänge reduzieren sich, die Formate werden kleiner. Die Künstlerin bringt eine subtilere und stillere Ordnung in die Kompositionen. Diesen ruhigeren Werken wohnt eine gewisse Feierlichkeit inne. Die Formen vereinfachen sich zu Farbflächen, zu ungleichmäßig abgerundeten Rechtecken, reduzieren sich mitunter zu Linien, die Farbflächen voneinander abgrenzen. Für diese Grenzlinien verwendet Christa Bartesch hin und wieder kräftigere Farben, die häufig monochrome Farbflächen voneinander abheben.Mitunter sind diese Grenzen ausgesparte Linien oder Risse.

Diese Gemälde wecken oft neue, ungeahnte Assoziationen. Die Künstlerin verfolgt hier keine Intention; vielmehr überlässt sie dem Betrachter alle Freiheiten, lädt ihn ein, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Mag er sich Ozeane, Kontinente, Wege oder etwas ganz anderes vorstellen, mag er sich einfach am Spiel der Formen und Farben erfreuen. Er wird als Gestalter in das Kunstwerk mit einbezogen und zu eigener schöpferischer Produktion angeregt.

Ganz im Sinne Umberto Ecos befinden wir uns hier vor offenen Kunstwerken, die dem Auge freie Abenteuer verschaffen wollen. Mit Absicht gibt Christa Bartesch ihren non-figurativen Bildern keine konkreten Titel, die dem Betrachter den Blick verstellen könnten. Der Betrachter möge sich die Ruhe nehmen und aufhorchen, um sich auf das Gespräch mit den Werken einzulassen.
In dieser zweiten abstrakten Phase spielt der Zufall eine weniger große Rolle als zuvor. Die Künstlerin spricht von konkreteren Bildern, denen mal eine fertige Idee, mal ein persönliches Ereignis zugrunde liegt. So besitzt ein jedes Bild sein eigenes Leben und . keines gleicht dem anderen. Sie spielt nicht nur mit den verschiedenen Farbwerten, sondern auch mit dem Material der Farbe. Transparente Farben werden über deckende Farben gesetzt. Sie trägt beispielsweise über ein Gebilde auf hellblauem Grund hauchdünn wieder hellblaue Farbe auf, so dass das Formzeichen sichtbar bleibt.

In ihren Bildern verarbeitet Christa Bartesch verschiedenste Eindrücke, ganz gleich, ob die Anregungen von Farbe, Formen oder Bewegungen gegeben wurden. Auf dies Art und Weise kann ein Seeurlaub eine Komposition in Blau hervorbringen, da hier das Farberlebnis im Vordergrund stand. Sie lässt sich auch gerne von  Materialien, Oberflächenstrukturen, Lichteffektenanregen, jedoch nicht ohne diese Eindrücke bildnerisch zu verfremden, sie so zu neuem Leben zu erwecken. Durch diese Verfremdungen entfaltet sie eine stille Poesie. Glatte Flächen beleben sich durch den Kontrast zu rauhen, strukturierten Flächen und umgekehrt.
das Motiv, die Bildidee, soll “auf den Punkt“ gebracht werden und wird zu diesem Zweck eingekreist und von verschiedener Seite beleuchtet. Daher gibt es im Werk der Künstlerin zahlreiche Bilderfolgen als Diptychon, Triptychon oder auch als größere Bildfolge. Es entsteht ein vielschichtiges Werk, fast möchte man von einem vieldimensionalen Bild sprechen. Entsprechend  reichhaltig ist ihre inhaltliche Aussage. Das Auge entdeckt immer wieder neue Beziehungen der Bildformen. Somit lässt sich die Poesie der Werke tagtäglich neu erleben.
Der Betrachter möge sich auf den Weg machen, die Bilder zu entdecken und sich dabei an ein Wort Schopenhauers erinnern: Vor einem Kunstwerk verhalte man sich wie vor einer hochgestellten Person: man ziehe den Hut und warte, bis man angeredet wird.

Bettina Strauß

Einführung zur Ausstellung bei der Westfälischen Kulturstiftung der Provinzial Versicherung in Münster 2003

Meine Damen und Herren!

Aus der Fachpresse, von Seiten namhafter Ausstellungsmacher und sogar in Künstlerkreisen vernahm man noch vor kurzem lautstark vorgetragene Prognosen, die das bevorstehende oder bereits eingeleitete Ende der Malerei propagierten. Man las von der Funktionslosigkeit der Malerei inmitten einer digitalisierten Bilderflut. Malerei wurde verworfen zugunsten der neuen Medien, die auf die Herausforderungen des Informationszeitalters objektiver, schneller, perfekter und damit besser reagieren können. Statt sich mit der Malerei ein Refugium der Langsamkeit und einer kontemplativen Stille zu bewahren, zielte der Trend im Bereich der bildenden Künste auf eine Überführung und Bearbeitung von gesellschaftlichen Problemzonen. Die Schnelligkeit des Datentransfers wurde zum übergeordneten Kriterium für den künstlerischen Produktionsprozess. Mit Hilfe von Video, Computer und Internet finden sich wirksame Medien, die eine nervöse, mehr oder weniger eindringliche Flut von Bildern, Zeichen und Geräuschen erzeugen und mit ihrem Ausdrucksvokabular als ein "langsames, aufwendiges und subjektabhängiges Handwerk“ in den Hintergrund drängen.

Erst seit kurzem ist in der Kunstszene eine Gegenreaktion zu beobachten, die darauf abzielt, die Malerei wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken und fast schon ein wenig trotzig mit aufwendigen Großausstellungen – wie jüngst in Franfurt oder Wolfsburg zu beobachten ist – eine neue Aufbruchstimmung unter  der heranwachsenden Malergeneration zu inszenieren.

"als  Maler“ konstatierte unlängst ein Feuilletonist der "Zeit“ , hat man es nicht leicht. Erst ist man die Hassfigur der Kunstwelt, wird beschimpft als weltfremd und reaktionär, als Pinselfetischist, der im Zeitalter der Bildschirme nichts mehr zu suchen habe. Dann wandelt sich der Hass in schönste Zärtlichkeit , plötzlich gilt man als Wunderkind und wird als Neuentdeckung herumgereicht – bis dann die Meckerei von vorne losgeht.

Was vermag also die Malerei gegenüber allen anderen Medien an Besonderheiten  zu leisten und worin liegen  ihre originären Ausdruckswerte?
Antworten auf diese Fragen mag sicherlich auch die hier ausgestellte Malerei von Christa Bartesch zu geben. Grenzen und Übergänge bestimmen das Ausdruckspotential dieser Malerei, die ganz auf die Ausdruckswerte der Farbe setzt. Barteschs Bilder entstehen durch den schichtweisen Auftrag von Ölfarbe mittels Pinsel auf die Leinwand. Die  Farbe erscheint manchmal in breiten, sanft geschwungenen Pinseelschleifen, dann wieder in kurzen Pinselstrichen oder fast schon in impressionistisch anmutender Tupftechnik, was den Bildgrund – in diesem Fall ist es Leinwand – zu einer Art Energiefeld werden läst, auf dessen beweglicher Oberfläche sich die dynamischen Prozesse der Bildwerdung und – Entstehung abzeichnen.

Die Oberfläche der Bilder ist von einer lichten Transparenz geprägt, die dafür sorgt, das ihr schichtweiser  Aufbau sichtbar wird und Spuren der jeweiligen Arbeitsschritte wie nur teilweise verdeckte Erinnerungen an bereits vergangene Phasen der Bildentstehung an die Oberfläche dringen. Lichte Farbschleier legen sich in breiten Bahnen über wolkig – atmosphärische Farbnebel. Die Bilder scheinen aus sich selbst zu leuchten. Von  ihrer farbigen Oberfläche geht eine  besondere Energie aus, die  sich als Eigenlicht der Malerei manifestiert. Aus einem virtuosen Spiel mit der Transparenz und Verdichtung von Farbe materialisieren sich  innerhalb eines Bildfeldes  vage Andeutungen von Formen, die je mehr an Gestalt  gewinnen, desto intensiver man  als Betrachter der Aufforderung dieser Malerei folgt, sich gewissermaßen sehend in die unergründliche Tiefe  der Farbräume  hineinzubegeben.

Aus dem Zusammenspiel der geradlinig verlaufenden materiellen Bildgrenzen und einer eher vagen Fixierung von Binnenformen schöpft diese Malerei ein besonderes Moment  der Spannung , bei der Ruhe und Bewegung in einem wohl ausbalancierten Verhältnis zueinander stehen. Sichtbare Formverdichtungen entstehen hier allein aus der Farbe aus dem Akt des Malens heraus und weniger auf der Grundlage von vorab gewählten rationalen Erwägungen.

Binnenformen nehmen in Umriss und Gestalt direkten Bezug auf die regelmäßigen Abmessungen des Bildkörpers. Zuweilen ergibt sich aus der malerisch gestalteten Ambivalenz von Raum und Fläche der Eindruck eines Fensters, das den Blick freigibt  in einen imaginären Farbraum, der sich umgrenzt von rahmenähnlichen Farbbahnen ins unendliche öffnet. Bei anderen Bildern wieder scheinen wolkige Farbflächen den Blick auf eine zuunterst liegende Farbschicht nur ansatzweise zu versperren, ein lichtes Gelb schwebt über einer grauen Fläche, hellstrahlende Binnenzonen lenken den Blic auf einen besonders ausgewählten Bereich des Bildes.

Die Farbe stößt zuweilen unmittelbar an die Ränder der Leinwand, was unweigerlich dazu führt, dass der Betrachter die von der Farbe ausgehenden  Bewegungstendenzen  aufgreift und sie in einem gedanklichen Vollzug über die tatsächlichen Ränder des Bildes hinaus weiterführt.
Christa Barteschs Malerei vollführt eine gekonnte Gradwanderung zwischen zeigen und Verbergen, ihre Bilder sind wahre Sehstücke, die uns Raum und Fläche, Nahe und Ferne, Ruhe und Bewegung im Zuge des Sehens erleben lassen. So entsteht diese Malerei immer wieder neu durch den Akt des Sehens, durch die Aktivierung unserer Wahrnehmung, was einen unendlichen Kreislauf in Gang bringt, der uns die wichtigsten Grundlagen unserer menschlichen Existenz zu einem bewussten Erlebnis werden lässt.

Dr. Rudolf Schramm

 

Vorwort zum Katalog Wertwerke 2003

Nach den großen Veränderungen der jüngeren Geschichte – wie zum Beispiel das Ende des kalten Krieges, der Zusammenbruch der  Sowjetunion - hat nicht nur auf politischem oder wirtschaftlichem Gebiet ein neues Zeitalter begonnen, auch über die europäische Kultur wurde die Landkarte neu  gezeichnet. Der freie Austausch von Personen und Gedanken begann mit dem Verschwinden des eisernen Vorhanges. Die spannende, oft aber eher gespannte Situation der wirtschaftlichen und politischen Veränderungen schuf für Ankömmlinge aus westlichen Demokratien häufig eine neuartige, mit dem Gefühl der Neuentdeckung verbundene Atmosphäre. Die ostmitteleuropäischen Staaten, die sogenannten Volksdemokratien, konnten so endlich aus ihrem kulturellen Ghetto ausbrechen. Zahlreiche europäische und amerikanische Künstler entdeckten so mit Freude diesen Kulturkreis und wählten ihn für kürzere oder längere Zeit zur Station ihres Schaffens. So eine, von woanders – aus Deutschland – angekommene Künstlerin ist auch Christa Bartesch: über ihre, in Budapest entstandenen Werke möchte ich einige wenige Gedanken aus Anlass ihrer Ausstellungsreihe "Werftwerke“ niederschreiben.

Christa Bartesch arbeitet mit reiner Visualität, mit den reinsten künstlerischen Mitteln. Sie meidet in ihren Bildern jegliche Anekdotisierung, arbeitet ausschließlich mit den klarsten Grundsätzen und Mitteln der bildenden Kunst, mit den unausschöpflichen Möglichkeiten von Farbe und Form.
Der Kulturkreis, aus dem Christa Bartesch ihr Wissen, ihre Erlebnisse und ihre Erfahrungen bezieht, ist zutiefst europäisch. Sie ist in Münster geboren, absolvierte das Studium der Malerei an der Akademie in Münster, arbeitete danach vier Jahre in Berlin als freischaffende Künstlerin, suchte ihre eigenen Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Erlebnisse, Erfahrungen, Gedanken. Später zog sie nach Budapest, wo nach den politischen Veränderungen das kulturelle Leben eine äußerst vielseitige Auseinandersetzung bot.

Stellen wir die Frage, welche ästhetischen Prinzipien ihre Arbeitsweise geprägt und bestimmt haben, so sind die fachlichen Grundlagen ihrer Malerei im vertieften Studium erlernt worden, als Mittel für die weitere Arbeit, für den künstlerischen Ausdruck. Die künstlerische Revolution des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutet ihr selbstverständlich die nonfigurative Kunst, dieses weite Feld der Experimente, in dem sie ihre eigene Stimme finden konnte. Sie verließ jegliches figurative Element, sie nahm die Herausforderung an, ihre Themen aus einer imaginären Welt, aus der durch die Phantasie aufgebauten "zweiten Welt“, zu schöpfen. Christa Bartesch hat sich hier in der magischen Welt der Farben und Formen gefunden, lebt ihre Phantasie frei aus, geht nach Lust mit ihren Farben und Formen um.

Obwohl ihre Malerei mit einer großen amerikanischen Tradition verbunden ist, integriert sie die Ereignisse der näheren Vergangenheit. Durch ihre matten, samtigen Farbtöne prägt sie einen sehr eigenen Stil. Sie folgt ihren Gedanken, ihren inneren Bedürfnissen, diesen geheimnisvollen inneren Anweisungen, welche auch die Wissenschaften nicht erklären können.

Die hier vorgestellten Arbeiten präsentieren nicht die Zwischenphasen, sondern die beharrliche Analyse, welche zur Welt der vereinfachten Formen und Farben geführt hat, zur Substanz, die nach dem Wesen der bildenden Kunst fragt. Christa Bartesch forscht nach dem mathematischen Wesen des Erlebnisses, des Ausdruckes, nach der für sie einfachsten Formel, von der keine Reduktion mehr möglich ist. Ich glaube, es braucht nicht gesagt zu werden, dass dies das Ergebnis eines sehr komplizierten und langwierigen künstlerischen schöpferischen Prozesses ist. Die Authentizität der Proportionen und das Verhältnis der Farben stehen in einer genauso komplizierten Beziehung zueinander, wie die Bestandteile einer chemischen Verbindung. Bereits minimale Änderungen gefährden die Identität der Materie.

Abschließend sollten wir uns vielleicht Gedanken machen, ob die im Vorwort der Kataloge so oft erwähnte weibliche Lyrik als Komponente der Kunst existiert. Ich gehe davon aus, dass es in der Kunst keine zwei Kategorien der Geschlechter gibt – es gibt nur gute oder schlechte Kunst. Es ist jedoch nicht zu übersehen, wie sehr die Bilder von Christa Bartesch durch die weibliche Gefühlswelt bereichert und geformt werden. Ich meine damit solche Werte, wie die Weichheit, die in den Formen und Farben steckt und die Wärme, die vom ganzen Bild ausgestrahlt wird.
Zum Schluss will ich meine Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass diese Werke eine wichtige Station der Künstlerin darstellen, die konsequent ihren Weg geht. Ihre Offenheit, die uns aus den Werken entgegenstrahlt und ihre schöpferische Sensibilität werden auch in Zukunft Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Tätigkeit sein.

Károly Klimó
Hochschulprofessor in Budapest,
Budapest, Januar 2003

 

Vorwort zum Katalog Transparent 2006

Die wahre Farbe

Die Monochromie ist eine erbarmungslose Disziplin der Kunst. Ist sie Malerei, so bleibt nicht allein die Fläche der Träger des Ausdrucks.Latent Plastisches ist immer in dem Deutungsbereich vorhanden. Sie ist eine Art selbstbegrenzte Handlung um in getarnter Form ein spirituelles Feld zu erzeugen, in dem die  Form und Komposition zugunsten einer art Farbanalyse in den Hintergrund gedrängt werden.  Sich mit monochromer Malerei auseinander zu setzen bedeutet den Hang nach dem  Primat der Abstraktion und das Verlangen nach einer subtilen Anonymität des Künstlers zu formulieren. Für den  Rezipienten bei der Betrachtung der Malerei von Christa Bartesch  stehen beide Kriterien zur Verfügung, Auseinandersetzung in Richtung Perzeption und den  gestalterischen Vorgang zu initiieren.
Monochromie basiert auf der Philosophie von Minimalismus und an der Asthetik der Absenz. Sie bedingen einander, sie sind aber differente Herangehensweisen.

Die Ansprüche der Malerei an sich, die sie an uns stellt sind hoch. Geht sie einmal in Konkurrenz mit der visuellen Umwelt, so fordert sie eine Diktion heraus, die stets im Verbalen und stets mit der Aktualität einer Bildsprache  um die Wette geht; wendet sie sich dem Historischen zu, so  stösst sie auf den funktionalen Bereich, der sich zwischen Abbild und Abstraktion ertsreckt. Beide Richtungen haben eines gleich, die spirituelle Attitüde, die zurückführt zur eigentlichen und permanenten Aufgabe des Metiers: zur Selbstdefinition. Kasimir Malewitsch gilt als einer der richtungweisenden Begründer der ungegenständlichen Kunst des 20. Jahrhunderts. Zwischen 1915 und 1932 entwickelte er eine Form abstrakter Malerei, die als Suprematismus bezeichnet wird - eine Kunst der reinen Form, die allgemein verständlich sein sollte, unabhängig von der kulturellen oder ethnischen Zugehörigkeit des Betrachters. Wie seine Zeitgenossen Piet Mondrian und Wassily Kandinsky entwarf auch Malewitsch eine künstlerische Utopie, die das säkulare Gegenstück zur religiösen Malerei wurde - und in seinem Fall darauf abzielte, die in Russland allgegenwärtige Ikone zu ersetzen -, indem er Werke schuf, die den Betrachter in einen höheren Bewusstseinszustand versetzen sollten.

Eine sehr eigenwillige Lösung der malerischen Selbstdefinition statuierte die, auf konzeptueller Basis entstandene, in bestimmter Hinsicht den Konstruktivismus integrierende, doch dessen Abstraktion vom Abbild leugnende Malerei, die Monochrome zu Beginn der 60-er Jahre. Im Grunde geht es hier um die Disziplinierung aller vorhandenen Mittel, die an sich eine oder jedwede Malerei erzeugen. Alle Ansammlung der Werte der Farbmittel sind aber zugleich Öffnung der rahmenbedingten Erzählung und der durch Farbe und Duktus getragenen Abstraktionen. Die Entleerung vom  Kognitiven des malerischen Trägers zu Gunsten einer offenen reinen Fläche scheint zwar ein radikaler Weg zu sein, doch die Abstraktion ist im Falle des Monochroms nicht die Leugnung des Seins, sondern die Bejahung des Trägers und des Mittels Farbe und Fläche mit der besonderen Attitüde der Öffnung in das Endlose, oder selbst in das auch latent Existente einer Bildmittlung.

Christa Bartesch  griff die Position der monochromen Schule auf und setzte sich mit den (endlosen) Möglichkeiten der Monochromie auseinander. Für sie ist Monochromie eine Möglichkeit  den abstrakten Ausdruck der Malerei (ihre Selbstdefinition) in Farbe zu manifestieren und  eine leise Individualität mit dem Duktus des Farbauftrages gelten zu lassen.  Den harten Kern der monochromen Malerei, die konkrete Poesie und die situationistische Malerei ( die Definition des Raumes durch die Farbfläche), als rationelle Handlung schloss sie aus, um das durch die reine Farbe gegebene Sinnliche –eben in dieser abstrahierten und zurückhaltenden persönlichen Form – zu gestalten. Unter den zahlreichen Richtungen der monochromer Malerei vertritt Christa Bartesch die weniger radikale Richtung.Sie arbeitet in einem fiktiven Raum, schafft also einen fiktiven Ort im Bild, welcher vorerst der Definition von Farbe und Fläche dient.

Die Farbe gelten zu lassen ist ihre Premisse. Münster, die Schule von der sie kommt, ist eine der spannungsvollsten Stätten der monochromen Manifestation.  Hier fand 1993 eine zusammenfassende Ausstellung "Das offene Bild" statt,  wo zum erstenmal der Begriff "Offenes Werk" von Umberto Eco in Zusammenhang mit der monochromen Malerei gebracht wurde. Weniger wäre diese theoretische Zuordnung von Relevanz, wenn es sich nicht um den Modus von einem "Un-rahmenwerk" Prinzip handeln würde, also um Grenze und Ungrenze, um Voraussetzung des Prozessualen, das im Raum (oder der Fläche)stattfindet, also um die materielle Präsenz des Räumlichen. Mit dem Begriff "Offenes Werk" ist zugleich auch das entgrenzte Bild gemeint, also ein prozessuales Denken steht im Fokus der Definition, das die Malerei nur noch durch die Begrenzung, durch den Rahmen definiert.

Christa Bartesch thematisiert in ihrer Malerei die Bedeutung der Bildfläche. Für sie entsteht das Bild frei von den historischen Konnotationen der Malerei, doch auch nicht in der signalhaften Reduktion auf Farbe (und Quadrat). Für sie ist die Monochromie eine abstrakte Botschaft von dem sinnlichen Gehalt der Farbe. Serien in diversen Grössen entstehen um eine Farbe abzuhandeln. Es wird das Format als Prüfwert von verschiedenen Farbwerten eingesetzt.  Selbst wenn sie mit zwei oder mehreren Farben operiert, geht es stets um die Definition, oder Analyse der im Auftakt bestimmten Farbe. Ihre Farbverhältnisse, die sie in einem Bild schafft, zielen darauf, welche möglichen Konkurrenzen und Dialoge die Farben und Felder miteinander haben können, welche Bereiche der Bilddeutungsfelder zu einer, oder mehreren Gruppen und Bereichen thematisiert werden können.

Während die monochrome Malerei in der gestalterischen Konzeption im Sinne des offenen Werkes auf die Endlosigkeit hinauszielt, geht Christa Bartesch in ihrer Malerei dieser Potenz der Farbe nach. Währe es möglich, das Endlose zu schaffen, so ist in dem fiktiven Ort der gestalteten Bildfläche auch eine Grenze nicht mehr imaginär, sondern auch endlos zu verstehen. Um diesen Gedanken zu bekräftigen entstehen Bilder im Bild, bei deren substantieller repetitiver Bedeutung durch den gemalten Rahmen es also um eine Ausgrenzung aus dem gesamten Bereich in eine kleinere Einheit geht. So stellt sich damit auch die Frage, ob dies eine Entgrenzung aus dem Ganzen ist, und es somit um die imaginäre Erweiterung des Bildfeldes geht, oder um die Zurücksetzung, Rückgewinnung der kleineren Einheit, weil das Bild nicht räumlich, sondern im Farbverhältnis zueinander definiert werden soll. Bleibt man bei der letzteren Vermutung, so kann man davon ausgehen, dass es der Künstlerin (vornehmlich) darum geht, die materielle Qualität der Farbe auf ihre optische Wirkung hin zu untersuchen. In ihrer Malerei erscheint aber das monochrome Bild nicht als materiell gegebene Primärform, sondern als pulsierende und optisch intensivierte Farbe. Ihre Malerei strebt weder nach Absolutheit, noch nach entrückter Immaterialität. Sie richtet sich auf die Präsenz einer einmaligen, sinnlich vor Augen stehenden Farbe, in der die objekthafte Bestimmtheit der Farbsubstanz eine Einheit mit der subjektiven Emotionalität des Farberlebnisses bildet.

Christa Bartesch nimmt mit ihrer Malerei mit Teil an dem universellen Experiment des Phänomens Bild. Ihre Malerei ist ein wichtiger Beitrag dazu, mehr sehen zu können als das materielle Element eines jeweiligen Bildes de facto geben kann. Sie lässt das Subjektive und Rationelle in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander wirken, auch das Pathos ist nicht mehr, als notwendiger Gegenpol zur eventuellen Technizität.

Ihre neuesten Bilder nennt Christa Bartesch "Weisse Bilder". Man  vermutet ,  bzw. erwartet, dass die suprematistische Konklusion von Malewitsch stattgefunden hat. Doch in der Wirklichkeit handelt es sich nicht um weisse, sondern um transparente Bilder.  Durch succsessive Übermalung sind noch die vorhergehenden Farben am Leben gehalten, aber entfernt, wie Gedächtnisschichten. Zwischen Bezeichnung und Erscheinung entsteht eine Spannung die einen besonderen Kontext erzeugt. Haben die Bilder die Aufgabe weiss zu werden, zu sein, oder ist die Botschaft rein in der Transparenz, somit auch nicht bedingt von dem Prozess des weiss zu werden. Meiner Meinung nach liegt die Botschaft und damit der Gehalt dieser Bilder nichjt in der Strenge der schwarz-weiss Philosophie, sondern sie sind im Vorgang vom Erindringen in die Bildebene entstanden, das Eindringen und die Farbübermalung haben primär emotionalen Gehalt, der die Nonverbalität der Farbe zu formulieren hat.

Julia Fabényi
Budapest, März. 2006